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Stirbt die S8 – dann stirbt die Region<br> Demo für die Straße am 28. Februar
Gänserndorf / Raasdorf, 28.02.2020

Stirbt die S8 – dann stirbt die Region
Demo für die Straße am 28. Februar

Seit knapp zwanzig Jahren laufen die Planungen für die Marchfeld-Schnellstraße S8 (Abschnitt Gänserndorf – Süßenbrunn/Raasdorf). Das Bauvorhaben wurde 2006 zum ersten Mal angekündigt. Zehn Jahre später fand die Verhandlung zur Umweltverträglichkeitsprüfung statt.
Seither warten S8-Befürworter auf den Baubescheid, der durch zahlreiche Einsprüche der Umweltorganisation VIRUS sowie der Bürgerinitiative Marchfeld (BIM) und der Grünen verzögert wurde.
Vor kurzem fand die zweitägige UVP-Verhandlung statt, in der – zum Entsetzen der Befürworter - das Bundesverwaltungsgericht das Verfahren geschlossen hat. Der schriftliche Negativ-Bescheid ist in den nächsten Wochen zu erwarten. Sehr zur Freude der Gegner. Weniger für die verkehrsbelasteten BewohnerInnen der Region.
Bgm. Walter Krutis aus Raasdorf ist grenzenlos enttäuscht und möchte sich schon gar nicht mehr dazu äußern. „Der erste Gedanke nach Bekanntwerden der Entscheidung war: Ich lasse mich gar nicht mehr als Bürgermeister angeloben. Ich weiß ehrlich gesagt momentan nicht, wie es weitergehen soll“. Der Bau der S8 ist seiner Meinung nach gegessen.

Krutis nennt Schotterabbau als Ursprung allen Übels
Vor allem in Raasdorf ist die Situation durch den zusätzlichen Schottertransport für die BewohnerInnen unerträglich. „Die Laster donnern durch den Ort und machen den AnrainerInnen das Leben schwer. Wir haben auch mit einer großen Feinstaubbelastung zu kämpfen. Die Schuld liegt eigentlich beim ansässigen Schottergrubenbesitzer und Landwirt. Er ist gegen den S8-Bau und geht als wohlhabender Schotterbaron mit den besten Anwälten dagegen vor, weil sonst seine Äcker durchschnitten werden würden“, klagt Krutis.
Auf den Schotterflächen brütet der geschützte und vom Aussterben bedrohte Triel. Dies führte schließlich zum Aus der geplanten S8. Krutis: „Die beiden Vogelpaare sind wichtiger als die Menschen. Das ist unglaublich. Noch dazu sind die Vögel gar nicht ständig da, sondern ziehen in den Süden. Täglich passieren 5.000 Fahrzeuge unseren Ort. Uns fehlen die Umfahrungsmöglichkeiten für die vielen Pendler, die aus fünf Orten kommen und durch unsere kleine Gemeinde fahren. Außerdem nutzen diese Strecke auch die Pendler, die umgekehrt aus Wien-Essling kommen, um schnellstmöglich auf die Autobahn zu gelangen“.
Doppelte Belastung also für die kleine Gemeinde, in der man laut Krutis natürlich auch auf den Öffi-Ausbau setzt. „500.000 Euro haben wir investiert, bei einem Budget von 1,5 Millionen“. Zusätzlich würde die S8 Erleichterung bringen. Im März – so der Bürgermeister - sollte der Bescheid für den im Herbst geplanten Baubeginn der S1 und der Eisenbahnunterführung einlangen. Krutis: „Ich bin gespannt ob das zustande kommt. Wenn nicht, können wir ja wieder in die Höhle zurückgehen“.

Grüne fordern Ortsumfahrungen – VP-Bgm. Quirgst ist skeptisch
20 Jahre lang habe man die BewohnerInnen der Stadtgemeinde Deutsch-Wagram mit dem Bau einer Umfahrungsstraße für den Ort hingehalten, „30.000 Autos donnern täglich vor der Haustüre vorbei“, beschwert sich Grüne-Gemeinderätin Bettina Bergauer, die zwar Gegnerin der S8 ist, aber dennoch auf Entlastung pocht.
Jedoch nicht in Form der Schnellstraße, denn die wäre laut den Grünen nicht mit einem klimaneutralen Wirtschaftssystem vereinbar. Des Rätsels „grüne“ Lösung seien kleinräumige Umfahrungsvarianten, die das Vogelschutzgebiet nicht betreffen und somit optimal wären.
„Wo sind denn diese Varianten? Die Grünen sollen sie einmal vorlegen. Seit ich Bürgermeister bin, hab ich solche Pläne noch nicht gesehen“, kontert Bgm. Fritz Quirgst verärgert. Nicht nur das Vorhandensein solcher Pläne ist für den Bürgermeister fraglich, sondern auch deren Tauglichkeit für ein extrem hohes Verkehrsaufkommen.
„Täglich fahren 35.000 Fahrzeuge durch Deutsch-Wagram in stundenlangem Stopp & Go-Verkehr mit vielen schädlichen Emissionen. Wir brauchen eine Entlastung, damit unsere Menschen wieder Lebensqualität haben“, fordert der Stadt-Chef.
Dass nun die Planungen zum S8-Bau eingestellt werden sollen, erschüttert Quirgst: „Damit werden 50.000 Menschen in der Region um ihre Lebensqualität gebracht. Der Ausbau der Öffis ist wichtig, die Stadtgemeinde wird diesen auch weiterhin unterstützen. Wir brauchen sie genauso wie die S8 zur Entlastung der Orte und zum Schutz der Menschen vor Staub, Lärm und Abgasen“. Hier werde Vogel- vor Menschenschutz gestellt. Und das sei ebenso untragbar, wie die neue Gesetzeslage, die kein Neuerungsverbot zulasse und somit der Abgabe von Entgegnungen kein Limit setzt. „Das führt nur zu großen Zeitverzögerungen“, meint das Stadtoberhaupt.
Lobner: „Wenn S8 wirklich stirbt, ist das der Todesstoß für die Region“
Beim Bau von Ortsumfahrungen würde es wie LAbg. Bgm. René Lobner (ÖVP) betont – wiederum zu Zeitverzögerungen kommen. Auch er könne sich keine brauchbaren Varianten vorstellen. Entsetzt über die Entscheidung, die laut Lobner keine Verhältnismäßigkeit hinsichtlich Tier- und Menschenschutz darstelle, hat er im Landtag eine Überdenkung der für die Menschen in der Region untragbaren Verkehrssituation gefordert. Lobner: „Das ist inakzeptabel. Wir werden alle Beteiligten in die Pflicht nehmen und einen Dringlichkeitsantrag in Richtung Bund einbringen“.
Denn die Verkehrslage in der Region sei drastisch. „Jedes Jahr fordert die Feinstaubbelastung einen Toten. Wenn das nicht in Relation zum Tierschutz gesetzt wird, dann verstehe ich die Welt nicht mehr“, so Lobner. Die S8 stelle für die Region eine wirtschaftliche Lebensader dar.
„Der Bau kann nicht stattfinden, nur weil ein Schottermensch mit dem nötigen Kleingeld dies verhindert. Das Kuriose daran ist, dass auf dessen Schotterflächen zufällig zwei Vogelpaare brüten. Die Vögel nimmt der Unternehmer als Mittel zum Zweck“. Dabei sei vor allem diese Vogelart laut Lobner „leicht leit- und lenkbar. Man hätte diese also auf andere Flächen umsiedeln können“.

Renner: „Mit Umfahrungen werden Probleme nur zum Nachbarn geschickt“
Die dritte Landtagspräsidentin Karin Renner (SPÖ) ist ebenfalls entsetzt über die Verhältnismäßigkeit zwischen Menschen- und Vogelschutz. Der Gerichtsbeschluss – so Renner – liege ja noch nicht vor, das Aus der S8 sei aber zu erwarten.
Renner findet die Entwicklung dramatisch: „Die Situation für die Menschen ist unerträglich. Selbst bei hochmodernen Fenstern sind die Menschen in den betroffenen Orten dem ständigen Lärm ausgesetzt. Ich kann das selbst bestätigen“. Umfahrungen, wie sie von den S8-Gegnern gefordert werden, seien laut Renner nicht in allen Orten möglich und stellen somit keine Lösung dar.
„Außerdem werden mit Umfahrungen die Probleme nur zum Nachbarn geschickt“, meint Renner.  Auch sie pocht – wie Lobner - auf eine überparteiliche Zusammenkunft mit allen Beteiligten, um die Situation neu zu überdenken und nach Lösungen zu suchen. Der runde Tisch sei nach dem 13. März sinnvoll, wenn alle BürgermeisterInnen angelobt seien. Zuvor werde man auch im Landtag die drastische Situation darlegen. Renner: „Für die Vögel hätte man um weniger Geld und Aufwand Ersatzflächen finden können“.

„Wirtschaftliche Entwicklung wird gehemmt und ArbeitnehmerInnen zum Pendeln gezwungen“
VP-Mobilitäts-Landesrat Ludwig Schleritzko zeigt sich ebenso von der Entwicklung enttäuscht: „Das Land steht zu hundert Prozent hinter diesem Projekt. Die strategische Prüfung im Vorfeld der Planung hat klar gezeigt, dass die Schnellstraße allfälligen Umfahrungen im Landesstraßennetz vorzuziehen ist und einen deutlich größeren Beitrag zur Steigerung der Lebens- und Standortqualität liefert. Wir haben genau dafür unsere Vorarbeiten im Straßenbau geleistet und gehen davon aus, dass man seitens der Asfinag und des Verkehrsministeriums auch alles für die weitere Umsetzung tun wird“.
Was man seitens des Landes sicher nicht tun werde, sei „eine Parallelplanung von Umfahrungen zum laufenden Verfahren der S8“. Diese sei laut Schleritzko nicht möglich. Was die erwähnten Vorarbeiten anbelangt, so spricht der Mobilitätslandesrat hier von der Errichtung des Zubringers in Gänserndorf oder von der Umfahrung Raasdorf und von der straßenrechtlichen Genehmigung der Umfahrung Groß-Enzersdorf. Die beiden letztgenannten sind Projekte an der S1, die laut Schleritzko als Anschluss an die S8 unabdingbar erforderlich seien.

Wirtschaftskammer: Ende des S8-Projekts katapultiert Region ins Mittelalter zurück
Seitens der Wirtschaftskammer Gänserndorf werde man den offiziellen Bescheid abwarten, bevor man ein Urteil darüber abgibt. Aber eines steht laut Bezirksstellenleiter Thomas Rosenberger jetzt schon fest: Das Nichtzustandekommen der S8 sei eine Rückentwicklung der Region ins Mittelalter. Rosenberger: „Bei aller Liebe zu Natura-2000 und dem Naturschutz. Das alles steht in keiner Relation zu einer wirtschaftlichen Entwicklung der Region. Es braucht Betriebsansiedlungen sowie Arbeits- und Ausbildungsplätze, weil sonst die Leute auspendeln müssen“.

VIRUS-Sprecher Rehm: „Asfinag wollte mit ihrer Verzögerungstaktik Gnadenfrist herausschinden“
Wie nun die Asfinag mit ihrem S8-Projekt weiter vorgehen wird, darüber lässt Asfinag-Pressesprecherin Alexandra Vucsina-Valla nichts fallen. Man werde zuerst einmal die Entscheidung in schriftlicher Form abwarten, um diese dann zu prüfen und über die weitere Vorgangsweise zu entscheiden. Schon während der langjährigen Planungsphase stiegen die Orts-Chefs dem Autobahnbauer immer wieder wegen verzögerter und „lascher“ Planungstaktik auf die Füße.
Die Asfinag dürfte bei der UVP-Verhandlung laut VIRUS-Sprecher Wolfgang Rehm auch nicht gerade ein kompetentes Verhandlungsgeschick bewiesen haben. Rehm bezeichnete die Verhandlungen als eine „planungstechnische Bankrotterklärung“. Man habe versucht, „mit Verschleppungstaktik Zeit zu gewinnen und nach neun Jahren im laufenden Verfahren mit der Planung praktisch von vorne zu beginnen“, so Rehm. 
Die Lawine zum Rollen brachte laut Rehm der als Zeuge geladene Triel-Gutachter aus der ersten Instanz, der sein Gutachten zweitinstanzlich zurückzog und sich dem negativen S8-Gerichtsgutachten anschloss. Somit sei die wesentliche Stütze des Bescheides des Verkehrsministeriums weggefallen. Ein von der Asfinag herbeizitierter Schallgutachter habe laut Rehm grobe Mängel im Projekt hinsichtlich Verwendung von „undokumentierten Messgeräten und mangelnde Kenntnis über Genauigkeitsbereich sowie fehlende gesicherte Eichung der Geräte“ festgestellt.  

Gemeinsamer Schulterschluss von ÖVP, SPÖ und FPÖ
„Angesichts der Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht letzte Woche ist klar, dass es bei der Marchfeld Schnellstraße S 8 zurzeit Spitz auf Knopf steht und mit einer vorerst negativen gerichtlichen Entscheidung zu rechnen ist. Für uns steht aber fest: Die S 8 muss trotzdem kommen und dazu fordern wir ein klares Bekenntnis des Bundes“, meint VPNÖ-Klubobmann Klaus Schneeberger in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit SPÖ-Klubobmann Hundsmüller und FP-Fraktionschef Landbauer.
Es könne nicht sein, dass eine Handvoll Gegner und brütende Vögel alles blockieren. In dieser Hinsicht ziehen alle Regierungsparteien an einem Strang. Vom Bund erwarte man sich ebenfalls ein klares Bekenntnis für die S8-Realisierung, denn eine Verkehrsentlastung sei notwendig.

Demo am 28. Februar
Am Freitag, den 28. Februar findet um 12 Uhr vor dem BMVIT, Radetzkystraße 2 (U-Bahnstation Schwedenplatz) eine S8-Demo statt.
Maria Köhler

Am Bild: S8 Marchfeldschnellstraße.
Foto: Asfinag

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